Das neue türkische Selbstbewusstsein oder warum die „Operation Spring Shield“ einen gefährlichen Wendepunkt in Ankaras Geostrategie markiert – ANALYSE

Tebel-Report.Zwischen dem 27. Februar und dem 5. März 2020 führte die Türkei im nordwestsyrischen Idlib eine Militäroperation durch, die in den türkischen Medienund mittlerweile von internationalen Militärexperten hymnisch als »gamechanger«, »Krieg der Zukunft« und »neue Militärdoktrin für die Welt« bezeichnet wurde. Sie wird wohl aus mehreren Gründen einen Wendepunkt der türkischen Außenpolitik bilden.

In etwa einer Woche machte die türkische Armee die syrisch-russischen Ambitionen zunichte, die letzte Rebellenenklave Syriens, das Gebiet um Idlib, einzunehmen.

Rückblende

Nach Idlib hatten sich bis Ende Februar nicht nur vermutlich etwa eine Million Regimegegner zurückgezogen, sondern auch islamistische Milizen.

Nach monatelangen Bombardements mit Fassbomben waren im Januar die Linien der islamistischen Milizen dem Zusammenbrechen nahe. Nach der Einnahme der Schlüsselstadt Maarat an Nurman Ende des Monats durch die syrischen Regierungstruppen und ihren iranischen und russischen Verbündeten, reagierte die Türkei. Offiziell um „eine humanitäre Katastrophe abzuwenden“. Viel eher lag das Ziel wohl aber darin, den Puffer der radikalen Milizen zu stabilisieren. So begann die Türkei Anfang Februar mit der Entsendung von Soldaten, Militärkonvois und unterstützte deren Kampf auch gezielt durch elektronische Kriegsführung und durch den Einsatz von Artillerie. Am 5. Februar folgte zudem eine ultimative Drohung aus Ankara, wonach sich Assads Truppen hinter die türkischen Beobachtungsposten in Idlib zurückzuziehen hätten. Dennoch konnte die syrische Armee weitere Gebietsgewinne verbuchen, weshalb die Türkei den Beschuss und den Tod von 34 türkischen Soldaten am 27. Februar letztlich zum Vorwand nahm, um nun aktiv und unverhohlen an der Seite der Dschihadisten in seinem südlichen Nachbarland gegen die syrischen Regierungstruppen vorzugehen.

Die »Operation Spring Shield«

Dabei bestand für die türkische Kriegsführung das Problem, eine direkte Konfrontation mit Russland zu vermeiden und damit auch den syrischen Luftraum nicht mit türkischen Kampfflugzeugen zu verletzen. Die innovative Lösung bestand darin, nun einen Kampf gegen reguläre Truppen zu führen, der von Staffeln ferngesteuerter Drohnen ausging, die erstmals wie „Kampfflugzeuge in einer konventionellen Schlacht“ eingesetzt wurden, wie es das Middle East Institute analysierte. Mittels elektronischer Kriegsführung blendeten die türkischen Streitkräfte die syrische Luftverteidigung. Drohnen überblickten das Zielgebiet mit ihren hochauflösenden Spezialkameras, identifizierten feindliche Ziele, gaben deren Koordinaten an Artillerieeinheiten weiter, die dann mit ihren Geschossen punktgenau treffen konnte. Zudem fungierten Drohnen als Deckung für türkisch-gestützte Dschihadisten und sie führten wie Kampfflugzeuge eigene Angriffe mit Mikromunition durch, die für unterschiedliche Aufgaben mit verschiedenen Sprengköpfen ausgerüstet werden können.

Bis zum 4. März sollen laut Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums so unter maßgeblicher Beteiligung der Drohnen insgesamt 3 Kampfflugzeuge, acht Hubschrauber, drei Drohnen, 151 Panzer, über 100 weitere Fahrzeuge, 47 Howitzers, acht Pantsir-S1 Luftverteidigungssysteme und Militärdepots der syrischen Armee und seiner iranischen Verbündeten zerstört und über 3 100 „Regierungskräfte“ (regime elements“) getötet oder verletzt worden sein, wie es die Anadolu Agency berichtete.

Nachdem die Angaben einer beteiligten Kriegspartei stets mit Vorsicht zu genießen sind, kann man es auch vorsichtiger formulieren: Die Verluste der syrischen Armee waren in jedem Fall unerwartet hoch.

Ein wichtiger schritt auf dem weg zur semiglobalen Macht

Wenngleich die türkischen Erfolge an ein Tontaubenschießen erinnern und die Präzision der türkischen Operation beeindruckt, so traf es doch einen völlig überraschten Gegner – von einem Krieg ausgelaugt, der länger andauert als der Zweite Weltkrieg. Obendrein war die syrische Armee russische Hilfe im Kampf gegen Milizen und die eigene Lufthoheit gewohnt, wodurch die einzelnen syrischen Pantsir S1 Luftabwehrsysteme nicht vernetzt, sondern als Stückwerk agierten.

Dennoch markieren diese sieben Tage vermutlich einen historischen Wendepunkt am Ende einer Kette an Ereignissen, der zukünftig auch geopolitische Wirkung zeitigen wird. Denn in militärischer Hinsicht ist Erdoğans Türkei einer Kriegsführung näher gekommen, die ohne nennenswerte eigene Verluste dennoch einem durchschnittlich armierten Gegner hohe Verluste zufügen kann. Diese Kriegsführung beruht im Kern auf dem Einsatz von Drohnen, gedeckt durch weitreichende Raketen und eine elektronische Kriegsführung. Zudem benutzt der NATO-Staat islamistische Söldnermilizen für seine Politik im betreffenden Krisenherd, um die Verluste eigener Soldaten zu minimieren.

Den Erfolg der »Operation Spring Shield«kann aber neben der Generalität ebenso der türkische Militärsektor für sich verbuchen. Denn sowohl die elektronische Kriegsführung mit den KORAL-Störsender von Aselsan, wie auch die eingesetzten Drohnen der Typen Bayraktar TB-2 und TAI Anka-S entstammen der heimischen türkischen Rüstungsproduktion. Innerhalb von etwa dreizehn Jahren gelang es Baykar Makina und in seinem Fahrwasser alsbald auch TAI Kampfdrohnen zu entwickeln, um die Türkei von Importen und Lieferbeschränkungen unabhängig zu machen. Die verwendete Mikromunition wird ebenso in Ankara von der Firma Roketsan hergestellt.

Dramatische Folgen für die internationale Stabilität

Die Türkei hat also Grund dafür, auf ihren militärischen Technologiebereich stolz zu sein. Andere Staaten werden ihre Kriegsführung studieren und verstärkt auf Drohnen setzen. Die spielerische Leichtigkeit der militärischen Erfolge in Syrien und in Libyen birgt aber auch große Gefahren.

Erdoğans Türkei zeichnet sich schon in der Vergangenheit durch Geltungswille und wenig zimperliche Machtpolitik aus. Wir sehen dies im Umgang mit den Kurden in den nordsyrischen Grenzgegenden von Afrin bis Ra‘s al-‘Ain, im Nordirak, aber auch im Krieg in Libyen mit der Missachtung der EU-Marineoperation IRINI und des UN-Waffenembargos.

Seit Ankara die USA unsanft zu einem kurzzeitigen Abzug aus dem nordöstlichen Syrien bewegte und sich in den sieben Tagen zwischen Ende Februar und Anfang März die Balance in Idlib zu Ungunsten der Russen wendete, sieht wohl nicht nur so mancher Anhänger Erdoğans die Türkei als Regionalmacht, die auf selber Augenhöhe mit den USA und Russland steht. Das gegenwärtige politische Vakuum in Nordafrika und Teilen des Mittleren Ostens ausnutzend, könnte nun der türkische Präsident versucht sein, seine geopolitische Ansprüche voranzutreiben, die teilweise auf dem historischen Gedächtnis des Landes fußen.

Denn just in diesen Monaten öffnet sich ein Zeitfenster. Bis in den November hinein ist die USA durch Coronaopandemie und Wahl des US-Präsidenten abgelenkt; bis zur Wahl steht dem Weißen Haus zudem noch ein Sympathisant Erdogans vor. Es ist daher durchaus denkbar, dass der türkische Präsident im Mittelmeer, in Libyen und in anderen türkischen Interessensphären vollendete Tatsachen schaffen oder sein politisches Gewicht erhöhen will, um sich endgültig als Machtfaktor zu etablieren. Die bestimmende Frage ist es daher: Wie glaubwürdig schätzt Erdogan das militärische Säbelrasseln Ägyptens und etwaige Sanktionsdrohungen des Westens ein. Denn wie man hoch pokert, weiß Erdogan selbst am besten.

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