Krieg in Syrien | GEWITTERWOLKEN ÜBER DEN TÜRKISCH- US-AMERIKANISCHEN BEZIEHUNGEN

Tebel-Report |ANALYSE

Das Verhältnis zwischen den USA und der Türkei liegt darnieder. Wesentliche Streitpunkte bilden der türkische Ankauf von vier russischen S-400 Triumf
Raketenabwehrsystemen und das Verhältnis zu den Kurden in Syrien. Das sind aber keineswegs alle.

Die S-400 ist ein modernes, mobiles Luftabwehrsystem, das sowohl gegen Marschflugkörper, Kurz- und Mittelstreckenraketen und Kampfflugzeuge (auch stealth-fähige) bis zu einer Entfernung von knapp 400 km und einer Höhe bis 30 km eingesetzt werden kann. Für den Ankauf dieses Waffensystem hatte sich Ankara 2017 entschieden und damit auch gegen das US-amerikanische Patriot-System.

Mit dem Argument, dass die USA den Ankauf als Bedrohung der US bzw. NATO-Ausrüstung ansehe (Mike Pence), versucht die USA den türkischen Ankauf der S-400 entschieden zu verhindern. Sogar die eigene Anlieferung von 100 F-35 an die Türkei wurden in Frage gestellt und dient als Druckmittel: Seit Montag liefert die USA keine Ausrüstung mehr. Allerdings ist dieser Schritt eher als symbolische Warnung zu verstehen, vermeldet die Jerusalem Post, dass das Training türkischer Piloten auf der F-35 weiterhin stattfindet und heute sogar ein zweiter türkischer F-35-Jet in der Luke Air Force Base in Arizona erwartet wird.

Auch steht das US-Argument auf tönernen Füßen: Die Türkei bot den USA an, der US-amerikanische Sorge in Spezialistengremien nachzugehen. Obendrein nutzt Griechenland, ebenso ein NATO-Staat, bereits seit Jahren die russische S-300 – und dies unbeanstandet.

Der zweite wichtige Konfliktpunkt zwischen der Türkei und den USA führt uns ins kurdisch besiedelte Nordsyrien. Die Türkei sieht im wichtigsten lokalen US-Verbündeten gegen den IS einen Terrorableger der PKK, der in der Türkei einen jahrzehntelangen blutigen Krieg für ein unabhängiges Kurdistan führte.

In zwei Militäroperationen in Syrien (Tebel’s Analyse in der Wiener Zeitung) zeigte die Türkei, dass es ihr aber nicht alleine um einen Kampf gegen diesen PKK-Ableger geht, sondern vermutlich viele eher um die Vernichtung des kurdischen Sieglungsgebietes entlang der türkischen Grenze.

Dies wollen die USA nun aber in Mambij und östlich des Euphrats verhindern. Erst am Mittwoch warnte US-Außenminister Mike Pompeo am Rande der Feierlichkeiten zum siebzigjährigen Bestehen der NATO seinen türkischen Kollegen Mevlüt Çavusoğlu vor einer „einseitigen türkischen Militäraktion in der Region“.

Neben diesen großen Differenzen existieren aber deren weitere:

  • So fordert die Türkei die Auslieferung von Fethullah Gülen aus den USA, dessen Organisation FETO in der Türkei zur Terrororganisation erklärt wurde.
  • Außerdem steht die Türkei in Syrien eher auf russischer Seite und versucht dort eine Friedenslösung unter Ausschluß der USA zu erreichen.
  • Mit der Unterstützung der Muslimbrüder steht Ankara wiederum im Widerspruch zu Ägypten und arabischen Staaten unter der Führung Saudi Arabiens – enge Verbündete der USA.
  • Zudem stellt sich die Türkei mit ihrer Forderung an Teilhabe an den Gasfunden vor Zypern zunehmend gegen seine westlichen Verbündeten.
  • Zuletzt sorgen auch die Inhaftierungen von US-Konsulatsangestellten und einen US-Staatsbürger für Unstimmigkeiten zwischen der Türkei und den USA, die wiederum von Ankara bezichtigt wird, absichtlich der türkischen Lira zu schaden.

Alles in allem wird die Türkei hierdurch – und durch Erdogans Führungsstil – in den USA verstärkt als zwar wichtiger, aber zunehmend unsicherer Bündnispartner angesehen.