Sirte und Al Jufra : Ägyptens „rote Linie“ in Libyen

Tebel-Report. – Die Standpunkte in Libyen sind verhärtet. Die Regierung in Tripolis und ihre türkischen Unterstützer beharren auf die Einnahme der strategisch bedeutenden Hafenstadt Sirte und des Luftwaffenstützpunktes Al Jufra als Voraussetzung für Waffenstillstandsgespräche, bekräftigte der türkische Präsidentensprecher Ibrahim Kalın am Donnerstag.

Damit stünde der libyschen Regierung der „Ölhalbmond“ offen, in dem sich etwa 60 Prozent der libyschen Ölquellen befinden.

Außerdem wären dann die Häfen Sidra, Ras Lanuf, Brega und Zuwaytinah in nächster Reichweite, wo laut al-Monitor elf Öl- und 3 Gaspipelines das Mittelmeer erreichen.

Mit der Einnahme des wichtigen Luftwaffenstützpunktes al Jufra, könnte die Regierung in Tripolis wiederum ihre Macht im Süden des Landes ausdehnen und Haftars Einfluss in großen Teilen Libyens brechen.

Dies wissend, bildet die Sirte-Al Jufra-Linie eine „rote Linie“. In der „Deklaration von Kairo“ (Samstag, 6. Juni 2020) forderten Ägypten, General Haftar und das Parlament in Tobruk eine politische Lösung und einen Waffenstillstand. Unterstützung für den, im Nichts verpuffenden Vorstoß, erhielt Abdel Fatah El-Sisi beispielsweise von den USA und dem Großteil der Teilnehmer an einer Videokonferenz der Arabischen Liga, die am vergangenen Dienstag stattfand.

Daneben richtete der ägyptische Präsident eindringliche Worte an die international anerkannte Regierung in Tripolis und ihre türkischen Unterstützer: Am vergangenen Samstag sprach El-Sisi in einer Rede davon, dass die Armee bereit sein solle, Missionen innerhalb oder außerhalb des Landes durchzuführen, um die nationale Sicherheit Ägyptens zu gewährleisten. Die Sirte – Al-Jufta-Linie gelte ihm hierbei als „rote Linie“.

Zwar relativierte der ägyptische Außenminister Sameh Shoukry am Sonntag in einem Interview mit Al-Arabiya TV die Aussagen seines Präsidenten und nennt ein militärisches Vorgehen Kairos nur die „letzte Option zur Wahrung seiner Sicherheit“. Dennoch demonstriert Ägypten Entschlossenheit. Nach Medienberichten waren erst am Mittwoch ägyptische F-16 Kampfflugzeuge und ein Airbus A330 MRTT Tankflugzeug der Luftwaffe der Vereinigten Arabischen Emirate in den libyschen Luftraum eingedrungen.

Ägypten und Libyen teilen sich eine 1 200 Kilometer lange Grenze. Kairo hat wenig Freude mit dem Gedanken, dass extremistische und islamistische Milizen die westliche Grenze infiltrieren oder durch einen Erfolg der GNA auch die Muslimbrüderschaft in Ägypten Auftrieb erhalten könnte.

Allerdings muss sich Ägypten hüten, vorschnell in einen Krieg in Libyen gezogen zu werden. Zu konfliktbeladen ist die Situation mit seinem äthiopischen Nachbarn wegen der Errichtung des Grand Ethiopian Renaissance Dam am Blauen Nil.

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